Das Weiche in der Kunst

sinnlichkeit und mentaler (Frei-)Raum

 

Die Objekte, die zur SOFT-ART-Bewegung der 60er und 70er Jahre zählen, waren darauf ausgerichtet, den Betrachtern die sinnliche Erfahrung auf neue Materialien, Formen und Farben zu erweitern. Ihnen sollte ein ästhetisches Erleben ermöglicht werden, das nicht an Konventionen orientiert, sondern auf eine persönliche Ebene, auf einen mentalen Raum und auf die Introspektion ausgerichtet war. Diese Strömung der SOFT-ART-Bewegung blieb dem Abstrakten Expressionismus weitestetgehend treu und fokussierte sich auf die bildnerischen Eigenschaften und Möglichkeiten weicher Materialien. Der Nutzwert von Faser und Textil wiederum wurde von anderen Strömungen aufgegriffen und viele Künstler spielten geradezu mit der Assoziation zur alltäglichen Benutzbarkeit.

Zu deren bekanntesten Vorreitern zählt Meret Oppenheim mit ihrer Skulptur Frühstück im Pelz von 1936 und in den 60er Jahren war Claes Oldenburg z..B. mit der Skulptur Soft Pay Telephone von 1963 einer ihrer wichtigsten Vertreter. Die Grenzen zwischen unterschiedlichen Strömungen der SOFT-ART sind dabei fließend.

 

Träge Erotik

 

Lucy Lippard z.B. beschreibt 1966 in ihrem Text Eccentric Abstraction, dass ein Großteil der SOFT-ART-Künstler mit der weichen, weiten, sinnlichen und zugleich mechanischen Biegbarkeit des Materials arbeitete und vor allem an sehr sachlichen und durchdachten Formen interessiert waren. So entstehe eine Kunst, die sparsam assoziativ ist und eher post-orgastische Ruhe als Extase simuliert. Wie der Zustand nach dem vollendeten Akt und bevor die Ordnung wieder hergestellt ist. Sie nennt es eine in der Nähe der Trägheit angesiedelte Erotik. Die Filzarbeiten von Robert Morris gehören z.B. in diese Kategorie. Die organische, natürliche, also biomorphe Form, die voller sexueller Bezüge ist und z.B. im Surrealismus eingesetzt wird, komme bei diesen Künstlern so auch kaum vor. Die Kunstobjekte dieser Strömung der SOFT-ART seien eben auf eine abstrakte Art und Weise sinnlich und müssten nicht figurativ sein, um erotisch sein zu können. Lippard folgerte daraus, dass eine „Neue Erotik“ entstanden sei, die aus dem Unbekannten in der Abstraktion entspringt.

Unbehagliches und Dekoratives: Louise Bourgeois

 

In die Beschreibung einer „Trägen Erotik“ fügen sich die im selben Kontext von Lippard besprochenen Arbeiten von Bourgeois nicht ein, weil sie genau die organische, natürliche, also biomorphe Form aufgreifen, die abstrakte Soft-Art-Objekte meist nicht haben. Sie seien, so Lippard, unansehnlich, hätten eine unbehagliche Aura der Realität und seien dabei von einer eigenartig umschlossenen Intimität. Klicken Sie bitte zu Louise Bourgeois, Avenza von 1968 – 69, Latex, 53.3 x 76.2 x 116.8 cm, 2003 gezeigt in der Akademie der Künste Berlin in der Ausstellung: Louise Bourgeois – Intime Abstraktionen. Courtesy Galerie Karsten Greve, Köln und Cheim & Read, New York, Photo: Allan Finkelman.

Lippard bespricht in ihren Ausführungen mit dem Titel Eccentric Abstraction sehr unterschiedliche zur SOFT-ART zählende Kunstwerke, was darauf verweist, wie lebendig die Debatte zur Überschreitung von Gattungsgrenzen durch die Verwendung neuer Materialien in den 60er Jahren war. Die Künstlerin Louise Bourgeois z.B. äußerte sich 1969 hart über eine weitere Strömung der SOFT-ART, die ihren Ursprung im Kunsthandwerk hat. Hier lehnte sie jene Auffassungen von Kunst ab, die sich über ästhetische Vollendung und Kunstfertigkeit definieren. Über die wegweisende Ausstellung der SOFT-ART-Bewegung „Wall Hangings“ schreibt sie, dass die Stücke sich kaum von dem Stigma des Dekorativen befreien […] Ein Bild oder eine Skulptur stellt hohe Ansprüche an den Betrachter, während es vollkommen unabhängig von ihm ist. Diese Webereien, so reizend sie auch sein mögen, sind eher gewinnend als anspruchsvoll. Wollte man sie klassifizieren, würden sie zwischen Hoher und Angewandter Kunst stehen.

 

Wand-Gehänge

 

Die bahnbrechenden Ausstellungen und Kataloge mit den Titeln Wall Hangings, Beyond Craft und Woven Form hoben in den 60er und 70er Jahren das Potential der weichen Materialien, insbesondere des Textilen als Medium der Bildenden Kunst hervor. Als wichtige Strömung der SOFT-ART legitimierten sie traditionell (kunst-)handwerkliche Materialien als Medien künstlerischer Artikulation. Mildred Constantine, die Kuratorin der Ausstellung Wall Hangings vertrat die Auffassung, dass SOFT-ART auf einer Stufe mit den Hohen Künsten stehe und der Kontemplation diene. Hierbei scheint sie Kunst zunächst als weitestgehend unabhängig vom sozialen Kontext aufzufassen, wobei ihre jahrelange Betätigung als Kuratorin ein Umdenken mit sich brachte. Schließlich habe sie neue Einblicke auf das Handwerk als Konzept und auf textile Kunst im Kontext der Kunst des 20. Jahrhunderts gewonnen.

Hier geht es zu einem virtuellen Rundgang durch die Ausstellung „Wall Hangings“ von 1969 im MOMA

Heute finden textile und andere auf den Gebrauch ausgerichteten Werkstoffe als künstlerische Medien eine breite Verwendung. Das oben zitierte Urteil von Bourgeois über den künstlerischen Wert von „Wall Hangings“ ist somit auch nur ein Aspekt des weiten Spektrums der SOFT-ART. Relevant allerdings ist ihre Definition von Kunst. Anstatt zu gefallen und dekorativ zu sein, fordert Bourgeois von Kunst, dass sie eine Herausforderung für den Betrachter sei. Darüber hinaus siedelt sie die kunsthandwerklich anmutende Textilkunst zwischen Hoher und Angewandter Kunst an. Erscheint ihre Aussage zunächst als negative Wertung, so bleibt offen, ob es nicht gerade diese Zwischenstellung ist, die das Textil als Material für die Kunst so attraktiv macht.

Während Künstler sich so auch heute mit der Klassifizierung des Textilen und der Faser als Medium des Nützlichen und Handwerklichen auseinandersetzen, befragen Kritiker die ursprünglich auf Nützlichkeit ausgerichtete Materialien darauf, wie sie zu Kunst werden und wie sie im Verhältnis zu anderen unkonventionellen Medien der Skulptur und Malerei funktionieren.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass allen Strömungen der SOFT-ART die Beschäftigung mit der symbolischen Aussagekraft des Textilen und der Faser gemein zu sein scheint. Paradoxerweise ist es dabei gerade deren untergeordnete Rolle in der Kunstgeschichte und ihre Assoziation zu Handwerk, Nützlichkeit und Tragbarkeit, die dem Textil und der Faser diese Symbolkraft verleihen.

Die aktuelle Ausstellung Making Space,: Women Artists and Postwar Abstraction at MoMA stellt unter anderem auch Werke von Magdalena Abakanowicz aus.

Wer sich intensiver mit den Zitaten beschäftigen möchte, kann folgenden Textquellen nachgehen:

Auther, Elissa, 2009/2012, Fiber Art and the hierarchy of art and craft, 1960-80. In: Hemmings, Jessica, 2012, The Textile Reader, London/New York: 210-22.

Constantine, Mildred/ Lenor Larsen, Jack Lenor, 1969, Wall Hangings, New York: Museum of Modern Art.

Lippard, Lucy, 1966, Eccentric Abstraction. New York: Fischbach Gallery. The text was reprinted in Armstrong, Richard, 1990, The new sculpture : 1965-75: between geometry and gesture ; [catalog of an exhibition held at Whitney Museum of American Art, from Febuary 20 through June 3, 1990], New York: 54-58.

Louise Bourgeois, 1969, The Fabric of Construction, Craft Horizons 29: 33f.