Coup Fatal

Programmhefte von Coup Fatal

Ablichtung der Programmhefte von Coup Fatal © Maja Peltzer

 Eine kongolesische Barockoper

Special Alain Platel, KVS & les ballets C de la B

 Berliner Festspiele, 18. – 20. Oktober 2015

 

Zart tastend, jazzig, fast schon psychedelisch sind die Klänge der Toccata nach Monteverdis Orfeo, die im Duett von E-Gitarre und elektronisch verstärkter Likembe als erstes Stück von Coup Fatal vorgetragen werden. Sie kommen so verfremdet daher, dass die Getragenheit barocker Musik wie verwandelt und die europäische Hörgewohnheit seltsam berühert ist. Das Motiv ist erkennbar, die Interpretation neu. Und je mehr das Stück fortschreitet und das melodische Stakkato der Guitarren in die getanzte Flirrigkeit westafrikanischer Rumba übergeht, desto mehr wird deutlich, dass dieser Konzertabend eine Wanderung durch ungewohntes, duch ungesichertes Terrain wird. 

Foto Maja Peltzer Von dem Patronenhülsenvorhang, Coup Fatal im Haus der Festspiele, Berlin, Oktober 2015

Bühne der Berliner Festspiele mit Vorhang aus Patronenhülsen © Maja Peltzer

Die ganze Bühne hinterfängt und rahmt ein golden schimmernder Kettenvorhang aus Patronenhüllen, der mal als Schleier und Vorhang, mal als Percussioninstrument benutzt wird. Das Orchester, bestehend aus 11 Instrumentalisten, 2 Vokalisten und einem Solisten, ist in uniforme taubenblaue Anzüge mit rostbraun-melierten Revers und Beinkeilen gekleidet. Das beruhigende Blau der Anzüge bringt eine formale Homogenität in die Darbietung, die das kontemplative Moment der barocken Musik unterstreicht. Dieses Moment leuchtet in einigen sehr intensiven Soli des Countertenors Serge Kakudji auf und wird dann teils sachte, teils impulsiv so heterogen variiert und verschoben, dass Unerwartetes, Erstaunliches entsteht.

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Mit freundlicher Genehmigung der Wiener Festwochen, ©Chris van der Burght

Die Anordung des Ensembles auf der Bühne, links zwei Vokalisten, rechts drei Likembespieler, dahinter aufgereiht das Orchester, der Solist stets an verschiedenen Positionen, erscheint zunächst einfach und streng. Sie entfaltet zunehmend eine notenblattartige Dynamik. Die Akteure tanzen wie die einzelnen Stimmen der Musik, die beiden Vokalisten meist synchron, die Likembespieler eher individuell. Im Verlauf des Konzerts befreien sich die Musiker aus ihren Jackets und Hemden und es ist, als würden die Bewegungen aus ihnen heraus platzen. Fast jeder Musiker hat einen Tanzpart, wobei ein Solo mit einem sehr barockem nacktem Oberkörper besonders heraussticht. Aus den Klanggebilden entstehen bewegte Musikbilder, die das Terrain zwischen dem Pathos des Barock und dessen kontemporärer Variation ausloten: es ensteht eine szenisch inszenierte, getanzte kongolesisch-belgische Partitur barocker Musik.

Der einfühlsame Umgang mit den so unterschiedlichen musikalischen Traditionen und die Schönheit der tänzerischen Elemente, die das durchweg aus Männern bestehende Ensemble zeigt, schaffen eine Dichte ästhetischer Eindrücke, die den überraschten Betrachter bannen. Dabei ist es sowohl die musikalische wie die extrem körperliche Neu-Interpretation barocker Musik, die sich mit traditionellen wie popkulturellen kongolesischen Elementen vollzieht, die einem schier den Atem verschlägt.

Mit freundlicher Genehmigung der Wiener Festwochen, ©Chris van der Burght,

Mit freundlicher Genehmigung der Wiener Festwochen, ©Chris van der Burght,

Nach etwa achtzig Minuten ziehen sich Musiker und Sänger einer nach dem anderen hinter die Bühne zurück, um verwandelt zurückzukehren. Sie tragen nun Kostüme, die der Kleidung von Sapeurs (dazu weiter unten mehr) nachempfunden sind und gestalten die Szenerie der folgenden vierzig Minuten neu. Die bis hierhin gewohnte Bühnenaufteilung erscheint nun aufgelöst, einzelne Akteure lösen sich abwechselnd und paarweise aus der tanzenden Gruppe.

Für das Finale spielt das Ensemble Lascia ch‘io pianga mia cruda sorte („Lass mich beweinen mein grausames Schicksal“) aus der Oper Rinaldo von Händel. Dabei wechseln sich afrikanischer und barocker Klangcode zunächst ab, ganz so als würde ein Resumé des Abends gezogen. Gegen Ende wird das Stück dann zur Fusion der Stile eskaliert, was einige sehr kitschige Momente befördert und zugleich eine bereits mehrfach inszenierte Parodie des barocken Pathos wiederholt. Hier wird die italienische Sprache vom Chor gesungen und dann alle Gesangslinien parallel geführt. Das Konzert endet mit ausgeatmeten Staccatos, das Publikum tobt.

Ungesichertes Terrain

Das ungewohnte und ungesicherte Terrain, auf dem dieser Konzertabend stattfindet, beruht auf der seltsamen Begegnung von barocker und kongolesischer Musik und deren tänzerischer Darbietung. Der kongolesische Countertenor Serge Kakudji kann als Inspirator dieser Begegnung gesehen werden, denn er verfiel bereits 7-jährig dem barocken Gesang, als er durch die Fernsehkanäle zappte. Seiner Liebe zur klassischen Musik und dem internationalen und multidisziplinären Festival Connexion Kin, welches in Kinshasa vom Brüssler Stadttheater (KVS) seit 2009 jährlich organisiert wird, ist die Initiative zu dem Projekt zu verdanken. Der Nährboden für den Konzertabend von Coup Fatal ist so auch das Aufeinandertreffen einer kongolesischen, belgischen und internationalen Kunstszene in Kinshasa und Brüssel.

2010 regt Paul Kerstens, der künstlerische Leiter des KVS-Theaters, einen Liederabend an und Kakudji wählt dazu Barockmusikarien aus. Die Uraufführung findet bei den Wiener Festwochen 2014 statt. Die Idee ist, exzellente Musiker aus Kinshasa zu einem Orchester zusammenzufassen, wobei die Instrumentierung des Orchesters keine konventionell barocke sein kann, weil barocke Musik bis dato in Kinshasa vollkommen unbekannt ist. Die Musik entsteht auf traditionellen kongolesischen wie auf kontemporären Instrumenten der Popmusik. Dieser Umstand erscheint wie eine glückliche Fügung, weil die so kreierte Musik deutlich die Spuren der je anderen Tradition bewahrt, variiert und verwandelt. Die Berücksichtigung der barocken Gesangslinie ist dabei als künstlerisches Verfahren ausschlaggebend, wobei Rodriguez Vangama verantwortlich zeichnet für die musikalische Leitung und Fabrizio Cassol, mit dem Kakudji bereits mehrere Projekte machte, für die kompositorische Struktur.

Den Entstehungprozess dieser neuen Musik beschreibt Kakudji in einem Interview als das Machen eines Stils und einer Musikschule. Hierzu werden barocke Opernformen in Beziehung nicht nur zu der traditionellen kongolesischen Musik sondern insbesondere auch zu den Geschichten, die sie erzählt, gesetzt: gegenwärtige kongolesische Geschichten werden mit barocken Stilmitteln gegeben. So entsteht eine kongolesische Oper, mit der nach Kakudji, auch Anklage gegen die Störung des Friedens im Kongo erhoben wird. Für den Zuhörer, der nicht der Sprachen des Kongos mächtig ist, erschließt sich dieser konkrete Inhalt leider kaum. Für ihn eröffnen sich durch die Verflechtung unterschiedlicher musikalischer Traditionen, historischer Zeiten und Sprachen eher neue Perspektiven sowohl auf zeitgenössische westafrikanische und europäische wie auf barocke Musik und Kultur.

©Chris van der Burght, mit freundlicher Genehmigung der Wiener Festwochen

©Chris van der Burght, mit freundlicher Genehmigung der Wiener Festwochen

Dabei ist es die spezifische Aneignung von Stilelementen aus unterschiedlichen kulturellen Kontexten, die auffällt und die im Kongo eine eigene Tradition hat. Die gesellschaftliche Bewegung S.A.P.E., die Société des Ambianceurs et des Personnes Élégantes (Gesellschaft für Unterhalter und elegante Personen) kultiviert kostbare Dinge wie hochwertige Kleidung ganz besonders im Alltag. Die Philosophie dieser Bewegung beruht auf der Idee der Eleganz, die aus Protest gegen Armut und Gewalt und als Subversion der beängstigenden Macht, die von den Kriegsherren im Kongo ausgeht, gelebt wird. Der Umgang mit dem barocken Musikmaterial und die Aneignung der u.a. westlichen Kleidungsstile durch die Sapeurs scheinen sich in sofern zu ähneln, als ihre Kostbarkeit gewertschätzt und in neue Kontexte gestellt wird.

Alain Platel ist bei der choreographischen Begleitung des Projekts von dieser Philosophie inspiriert. Darüber hinaus geht es ihm darum, so sagt er in einem Interview, den Konzertcharakter von Coup Fatal zu bewahren und das tänzerische Potential der Musiker so zu inszenieren, dass die Musik im Vordergrund bleibt. (https://www.youtube.com/watch?v=84nB5_mUD18) Er macht es sich zur Aufgabe, einige Impulse zu geben, wie z.B. die Zusammenarbeit mit dem Bildhauer Freddy Tzimba für die Bühnengestaltung und die Einbeziehung der blauen Stühle in das Spiel. Dass Musik und Tanz in afrikanischen Kulturen untrennbar miteinander verbunden sind und ein Konzert so auch stets Tanz bedeutet, spürt Platel, der die Musiker zu Beginn seiner Mitarbeit erst ein mal von den Stühlen aufstehen liess. Ergebnis ist eine durch und durch physische Interpretation des Barock, durch die die Musik nicht zu kurz kommt, sondern umgewertet wird.

Coup Fatal ist damit nicht nur ein Beispiel für die Aneignung der barocken Gesangslinie und deren dialogische Hinüberführung in die Musik des Kongo und umgekehrt. Durch den teils liebevollen, zärtlichen, teils mokierenden, ironischen Umgang mit dem barocken Musik-Material gelingt darüber hinaus ein Perspektivwechsel. Das für den kongolesischen Hörer sowohl Befremdliche wie Bewegende der barocken Musik findet Ausdruck in der Um-Schreibung mit westafrikanischen Stilmitteln, Tanz und Instrumenten. Beim Hören und Sehen der so empfundenen und entfremdeten Musik ist es, als hätte man eine Ahnung davon, wie sich barocke Musik für jemanden anfühlt, der aus anderen Traditionen kommt. Der fremde Blick lässt eine für Manche verlorene Musik in neuem Licht erscheinen und eröffnet so einen ungekannten Raum des Dialogs.

 Kakudji im Interview