Oh Dienstleister der Lüfte !

Demuth, D., 2017, Und die Alle sind jetzt ohne Arbeit. Mit freundlicher Genehmigung von © Dagmar Demuth

Ich bin seit 5 Uhr morgens unterwegs, sagte Dagmar Demuth, als wir am Mittwoch den 22.11.17 Abends um den Tisch saßen und Spaghetti Bolognese aßen. Gekommen sind wir nach Berlin zu 400 Mann – mit Bussen aus Düsseldorf, um zu demonstrieren, vor dem Kanzleramt. Ach, Du gehörst zu Siemens, warf ich ein und dachte, bei den Nachrichten gut zugehört zu haben. Komisch, keiner hat das mitbekommen, entgegnete Dagmar mit knautschigem Gesicht, wir sind die Düsseldorfer Air-Berlin Mitarbeiter, für die kein Sozialplan erstellt, geschweige denn eine Übernahme oder Abfindungen ausgehandelt wurde.

Demuth, D., 2017 vor der Insolvenz. Mit freundlicher Genehmigung von © Dagmar Demuth.

Und dann kommt Dagmar ins Schwärmen. Ich und meine Kollegen, sagt sie, wir lieben diese Arbeit. Ich bin seit 27 Jahren dabei und wir, die Crew, sind im wahrsten Sinne abgehoben und immer auf Wolke sieben geschwebt, Dienstleister der Lüfte, der irrealen Sphäre, dort, wo der Himmel die Erde küsst. Anstrengung und Verstrahlung haben wir in Kauf genommen, die Bezahlung und im Idealfall die Arbeitszeiten glichen das ein Stück weit aus. Und jetzt? Das Aus!

Wenn ich zum Arbeitsamt gehe, ist das, als würde ich kündigen, sagte die 52-jährige Stewardess, dann würde ich alle meine Ansprüche verlieren. Würde ich mich von einer anderen Fluglinie anwerben lassen, bekäme ich nicht nur maximal die Hälfte meines jetztigen Gehalts, ich würde zudem komplett mobil sein müssen, ohne zu wissen, wann ich mich in meine Base zurückziehen und erholen kann, um meinen Job weiterhin gut zu machen. Sie machte eine Pause und sagte: im Moment weiss ich noch nicht ein mal, ob ich ab Dezember noch krankenversichert bin. Und weiter unter Kopfschütteln: es fühlt sich an, als ginge es hier um das Sterben einer Zunft, um den Anfang vom Ende der Berufsethik.

Liebe Leserinnen und Leser von Der fremde Faden,
in frei zugänglichen Texten reflektiere ich die Folgen des Neoliberalismus und leiste meinen Beitrag zu einem weltoffenen Kulturverständnis. Unterstützen Sie mich dabei und bezahlen Sie meine Arbeit via PayPal oder per Überweisung mit einem Betrag Ihrer Wahl! I Schon der Preis einer Kaffeetasse würde genügen! Vielen Dank – Maja Peltzer, Herausgeberin von Der fremde FadenBezahlen können Sie:
via PayPal zB.mit 2,90 € / 5,00 € / 10,00 €
Oder per Überweisung an: Kontoinhaberin Maja Peltzer, IBAN DE57 5108 0060 0035 3073 04, BIC DRESDEFF510 (Dresdner Bank Wiesbaden).
Wenn Sie eine Rechnung brauchen, dann schreiben Sie eine E-Mail an Maja Peltzer!

Wut und Verzweiflung stehen Dagmar ins Gesicht geschrieben. Jährlich gibt es tausende Insolvenzen in Deutschland, denkt sie laut, vom Kleinstunternehmer bis zu zum Multi. Kommt es wirklich irgendwann, dass jeder Zweite arbeitslos ist?

 

Dagmar Demuth mit ihrem Transparent „Wir sind die Opfer vom AirBerlin-Lufthansa-Deal“, das sie auf der Demo hochhielt. 2017© Maja Peltzer

 

Die Empörung der Stewardess Dagmar Demuth blieb mir über diesen Abend hinaus im Kopf. Nach meinem letzten AirBerlin-Flug hatte ich mit dem mir eigenen Hang zum Pathos wehmütig Bilder von dem Schokoladenherz gemacht. Als Lokalpatriotin empfand ich Scham darüber, dass jetzt nach dem Chaos um den Bau eines Berliner Flughafens auch noch die weltbekannte Fluglinie mit dem Namen meiner Stadt konkurs geht.

 

Das AirBerlin Schokoladenherz von Lindt. 2017© Maja Peltzer

 

Heute jedoch erscheint mir meine Scham wie Larmoyanz und gänzlich unangemessen, schließlich verweist der Umgang mit der ehemaligen Belegschaft der AirBerlin exemplarisch auf ein allgemeines Problem in einem ganz anderen Feld. Dass über Jahrhunderte in Europa hart erkämpfte Arbeiternehmerrechte auf dem globalen Arbeitsmarkt mit den Füssen getreten werden, ist nicht neu. Dass Demokratien und soziale Marktwirtschaften sich den sozialen Frieden nur dann erhalten, wenn sie diese Tatsache offen und mit Entschiedenheit angehen, wird immer deutlicher. Nur wie liessen sich Arbeitnehmerrechte globalisierungsgerecht gestalten, ohne die Mittelschicht zu schädigen, die einkommensschwachen Schichten zu übergehen und menschenunwürdigen Arbeitskonditionen Tür und Tor zu öffnen ?

 

Demuth, D., 2017, Mama will Arbeit. Mit freundlicher Genehmigung von © Dagmar Demuth

 

Da Demokratie ein nie endender Prozess ist und das Instrument der Petition bereitstellt, sammelt die Belegschaft der AirBerlin die 50.000 benötigten Unterschriften, um auf die Agenda des Bundestages zu kommen. Sie kämpft damit um einen sachgemäßen Betriebsübergang nach § 613 BGB. Bis dato gesammelt hat sie um die 46.000 Stimmen auf unterschiedlichen Wegen, 4000 fehlen noch und der Abgabetermin der Petition ist der 3.12.2017.

Hier kommen Sie mit einem Klick zur Petition.

Wollen Sie sich eingehender mit dem Thema beschäftigen, empfehle ich Ihnen folgende Artikel:

Der Mensch zuletzt, Ein Kommentar von Zacharias Zacharakis in der Zeit-Online am 26. Oktober 2017.

Der Kranich ist ein Aasgeier von Pepe Egger, der Freitag, Das Meinungsmedium, Ausgabe 47/2017

 

Wenn dir dieser Artikel gefallen hat und du auch in Zukunft mehr von mir lesen möchtest,
dann kannst du mich unterstützen!

via PayPal mit 2,90 € / 5,00 € / 10,00 €
oder per Überweisung an:
Kontoinhaberin Maja Peltzer
IBAN DE57 5108 0060 0035 3073 04
BIC DRESDEFF510 (Dresdner Bank Wiesbaden)

Ich danke dir!

Wenn du nicht weißt, wieviel du mir bezahlen möchtest, dann klicke hier!