Na, Lausi!

Der Nikolaus hat den Schuh von 2016 doch gefüllt

Der Nikolaus hat den Schuh von 2016 doch gefüllt, oder war es der Knecht Ruprecht? 2016 © Maja Peltzer

Knecht Ruprecht

 

Ruprecht: Habt guten Abend, alt und jung
bin allen wohl bekannt genung.
Von drauß vom Walde komm ich her;
ich muß Euch sagen es weihnachtet sehr!
Allüberall auf den Tannenspitzen
sah ich goldene Lichtlein sitzen;
und droben aus dem Himmelstor
sah mit großen Augen das Christkind hervor.
Und wie ich so strolcht durch den finsteren Tann,
da rief’s mich mit heller Stimme an:
Knecht Ruprecht, rief es alter Gesell,
hebe die Beine und spute dich schnell!
Die Kerzen fangen zu brennen an,
das Himmelstor ist aufgetan,
Alt und Junge sollen nun
von der Jagd des Lebens einmal ruhn;
und morgen flieg ich hinab zur Erden,
denn es soll wieder weihnachten werden!
So geh denn rasch von Haus zu Haus.
such mir die guten Kinder aus,
damit ich ihrer mag gedenken
mit schönen Sachen sie mag beschenken.
Ich sprach: O lieber Herre Christ,
Meine Reise fast zu Ende ist.
Ich soll nur noch in diese Stadt,
Wo’s eitel gute Kinder hat.
Hast denn das Säcklein auch bei dir?
Ich sprach: Das Säcklein, das ist hier,
Denn Äpfel, Nuß und Mandelkern
freßen fromme Kinder gern.
Hast denn die Rute auch bei dir?
Ich sprach: die Rute die ist hier.
Doch für die Kinder, nur die schlechten,
die trifft sie auf den Teil, den rechten.
Christkindlein sprach: So ist es recht.
So geh mit Gott, mein treuer Knecht!
Von drauß, vom Walde komm ich her,
Ich muß euch sagen es weihnachtet sehr!
Nun sprecht wie ich’s hierinnen find:
sind’s gute Kind, sind’s böse Kind?

Verwirrung

 

So also beginnt Theodor Storms Gedicht von 1862, in dem Knecht Ruprecht von seiner Zwiesprache mit dem Christkind und im Folgenden von seiner Einkehr bei einer Familie in einer Stadt erzählt. Verwirrend zuweil ist die Abfolge der Geschehnisse, denn wie kann es morgen schon Weihnachten sein, wenn Knecht Ruprecht doch am 6. Dezember den ungehorsamen Kindern eines mit der Rute überzieht und den braven die Stiefel füllt? Wie kommt es, dass sich bei Storm in der Person Knecht Ruprechts das Bestrafen wie das Belohnen vereint, während er in anderen Traditionen der Gehilfe von Nikolaus ist und nur dieser den Stiefel der Braven füllt ? Und warum besucht das Christkind nur die guten Kinder? Und wenn in anderen Traditionen Knecht Ruprecht und der Nikolaus zusammen arbeiten, wer ist dann der Weihnachtsmann? Ja, die Verwirrung ist groß, denn zum einen ist heidnisches hier mit christlichem Brauchtum aufs Feinste miteinander vermischt. Zum Anderen kommt ab dem 19. Jahrhundert noch der kommerzielle Aspekt hinzu, denn da ward Santa Claus, der Amerikanische Weihnachtsmann geboren, in dem auch Nikolaus und Knecht Ruprecht in Eins gesetzt sind. Jeder, der also meint, es gäbe eine festgeschriebene Rolle des Nikolaus‘, befindet sich vollkommen im Irrtum, denn je nach Zeit, Ort und kulturellem Kontext werden ihm unterschiedliche Funktionen zugeschrieben.

Es weihnachtet sehr mit Bratapfelduft?

 

Für den Zeitgenossen (nicht nur) des 21. Jahrhunderts wirft Storms Gedicht zudem weitere Fragen auf: verbindet sich tatsächlich in einer deutschsprachigen Kindheit der Ausspruch: Von drauß‘ vom Walde komm ich her; Ich muß euch sagen, es weihnachtet sehr! mit Kerzenschimmer, Tannenzweigen und dem wohligen Duft nach Bratapfel und umgekehrt? Ich glaube nicht, denn natürlich unterscheiden sich die Weihnachts – Traditionen in den vielen Religionen deutschsprachiger Kinder. Ganz zu schweigen von den grundverschiedenen Traditionen in BRD und DDR. Man denke nur an die handelsübliche deutsch-demokratische Namensgebung der Jahresendfigur! Der Weihnachtsengel hieß hier Jahresendfigur m. F. (mit Flügeln), der Weihnachtsmann Jahresendfigur o. F. (ohne Flügel). Muss die kulturelle Wiedervereinigung da nicht manchmal einfach klemmen? Das aber nur am Rande: spannend ist doch, dass es allenthalben institutionalisierte wie subversive Bräuche gibt, nur eben viel variantenreicher und ungereimter als viele glauben.

Stroh, Hörner, Kuhglocken und Goldkugeln

 

Von meinem Bildschirm abfotografiertes Bild der Aufstellung zum Buttnmandllauf

Von meinem Bildschirm abfotografiertes Bild der Aufstellung zum Buttnmandllauf.  2016 © Maja Peltzer

Der karnevalesk anmutende Buttnmandllauf aus dem Berchtesgadener Land zum Beispiel hat heidnischen Ursprung und seinen Namen vom bairischen buttn (scheppern und rütteln). Die in Stroh eingebundenen Buttnmandln tragen schwere, laute Kuhglocken und Masken mit Hörnern und beschützen den sie anführenden Nikolaus. Ihre Aufgabe ist es, unartigen Jugendlichen Rutenstreiche zu verpassen, sie in den Schnee zu werfen und einzuseifen. Aus diesem Brauch scheint Knecht Ruprecht hervorgegangen zu sein. Im Zuge der Christianisierung wurde der Ritus, unartige Jugendliche vor der gesamten Gemeinschaft durch spielerische Bestrafung zu ermahnen, mit dem Einkehrerbrauch des Heiligen Nikolaus von Myra zusammengeführt, bei dem Nikolaus Geschenke verteilt.

 

Nikolaus von Myra mit den drei Goldkugeln. Von meinem Bildschirm abfotografiert.

Nikolaus von Myra mit den drei Goldkugeln, Wormser Dom. Zu der von meinem Bildschirm abfotografierten Reproduktion kommen Sie auf der Internetseite der Stadtverwaltung Worms.

Das Verteilen der Geschenke am 6. Dezember wiederum geht auf den Gedenktag des Heiligen Nikolaus von Myra zurück. Der Einkehrerbrauch hat sich unter anderem aus der Legende der Mitgiftspende des Heiligen Nikolaus von Myra entwickelt. Interessant ist auch, dass Nikolaus von Myra zwei historische Personen in sich vereint, die im 3. und 4. Jahrhundert in der Gegend von Myra, einer antiken Stadt in Lykien gewirkt haben. Die in der Türkei am Levantischen Becken des Mittelmeeres liegende Stadt heißt heute übrigens Kale oder Demre. Der Legende zufolge verhinderte Nikolaus hier, dass ein verarmter Mann seine drei Töchter verkauft, indem er ihm für jede Tochter einen Goldklumpen durch das Fenster warf. Eines der Heiligenattribute in bildlichen Darstellungen des Nikolaus wurden daher die drei Goldkugeln.

Und Auch Afrika Ist dabei

 

Bei uns stehen die Schuhe zum Nikolaustag auf einer geschnitzten Bank aus Afrika, genauer: aus Kamerun. Nikolaus hat zwar leider keine Goldklumpen in unserer Wohnung geworfen, die Schuhe aber sind mit Nüsschen, Obst und kleinen Geschenken gefüllt. Da ist das Flackern der Kerzen im dunklen Flur, das warme Holz der Bank, das Rascheln des roten Seidenpapiers, der Duft der grünen Tannenzweige und der Mandarinen, die kleinen Männchen der Schnitzerei – und wir sind andächtig.

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Maja Peltzer, 2016, Constant Cultural Change, Digitale Fotografie. © Maja Peltzer

Wer das komplette Gedicht von Theodor Storm lesen will, klickt hier!

 

 

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