Eine Landkarte getragener Kleidung – auf Deutsch & in Italiano

Guido Nosaris textile Installation 

Ein Tallit für die Neue Synagoge in Berlin  

1. April – 28. Juni 2015

Der Besuch der Ausstellung beginnt mit der Sicherheitskontrolle am Eingang der Synagoge und ist gefolgt von dem Aufstieg zur Kuppel durch das historische Treppenhaus. Die Spuren der Schändung sind hier überall sichtbar und die Vergangenheit so präsent, dass einem die Knie weich werden. Es geht vorbei an dem Repräsentationssaal, in dem die Gottesdienste nach dem 9/10. November 1938 stattfanden, eine kleine steinerne Wendeltreppe hinauf in den Kuppelraum. 

©Maja Peltzer

Guido Nosari, Ein Tallit für die Neue Synagoge, 2015, Stoffreste, verschiedene Garne, Installationsansicht. Mit freundlicher Genehmigung des Künstlers. © Maja Peltzer

Der Blick öffnet sich auf ein Fensterpanorama, links der Fernsehturm am Alex, dort ein Kirchtürmchen, eine Dachschräge, ein Innenhof, die Chausseestrasse. Der lichtdurchflutete Raum atmet Berlingeschichte, sein Gewölbe ist von einer Art Baldachin aus Stofffetzen unterfangen. Die Geräusche sind gedämpft und die Aufmerksamkeit wird leise auf die textile Installation gelenkt.

Die konvexe Wölbung der textilen Fläche, die dem Betrachter entgegen kommt, erinnert an das Segment eines Globus oder an eine physische Landkarte. Sie hat einen Durchmesser von etwa 20 Metern. Ihre Einzelteile sind in einem ordentlichen Chaos aneinandergefügt, wie Felder oder wie Grundstücke einer wild gewachsenen Vorstadt, die man von dem Blick aus dem Flugzeugfenster heraus kennt. Dabei ist die Materialität der einander angeordneten Teile unvererkennbar textil und widerstrebt auf eigenartige Art und Weise der Assoziation von Landschaft/Erde und Landkarte/Papier. Mehr noch, sie ruft ein Stofflager oder die Altkleidersammlung auf den Plan und schafft damit das Paradox einer Landkarte getragener Kleidung.

Wirkt die Komposition zunächst wild, beruhigt sie sich bei längerem Betrachten. Es werden Strukturen sichtbar, Linien treffen auf Farbfelder, durchkreuzen und verbinden sie. Das eine Textilfeld findet Halt an dem anderen. Man entdeckt, dass die Fläche von einem ganzen Fadennetz zusammengehalten und strukturiert ist. Wie Demarkationslinien zieht es sich über die gesamte Fläche. Die Stoffstücke unterschiedlichster Machart und Provinienz scheinen auf diesem Fadennetz zu liegen und bei genauerem Hinschauen wird sichtbar, dass sie mit unterschiedlich großen Stichen zusammengehalten werden. Die Installation wird durch das Tageslicht von unten beleuchtet, ein sanfter Wind bewegt einzeln herabhängende Fäden.

Guido Nosari, Ein Tallit für die Neue Synagoge, 2015, Stoffreste, verschiedene Garne, Detail der Installationsansicht. Mit freundlicher Genehmigung des Künstlers. © Maja Peltzer

Die textilen Materialien des Kunstwerks evozieren den sehr intimen Bereich der physischen Erfahrung von Kleidung und von Stoff auf Haut, von Kleidung die bewohnt und gesehen wird, von Kleidung, durch die Identität behauptet wird. Die Fetzen getragener Kleidung konfrontieren den Betrachter so auch  mit den Fragen: wer trug diesen Stoff und welche Geschichte steckt hinter jedem einzelnen Stück? Es sind bewegende Fragen, weil die Intimität, die sich durch das textile Medium in dieser Inszenierung einstellt, den Betrachter physisch einbindet und ihn auf die Suche nach den Welten schickt, die er mit den Farben, Strukturen, Mustern und Ornamenten assoziert. Doch reduziert sich die Betrachtung nicht auf die physischen und erinnernden Qualitäten des Textils. Die malerische Strukturiertheit hebt die Installation vielmehr aus dem Kontext des Gebrauchsgegenstands heraus und versetzt sie in einen neuen Kontext.

Mit dem Titel seiner Installation Ein Tallit für die Neue Synagoge bezieht sich Guido Nosari auf den Tallit, einen viereckigen Mantel mit Fransen, den sich jüdische Gläubige umlegen, um sich auf ihr Gebet zu konzentrieren. Die meist zu Quasten verknoteten Fransen an den Ecken (Zizijot) sind dabei das Charakteristikum des Tallit. Sie sollen die Gläubigen an die 613 Ver- und Gebote der Tora erinnern.

Anders als der mahnende und instruktive Charakter der streng zu Quasten verarbeiteten Fransen des Tallit, übernehmen die in der Installation verarbeiteten Fäden die Funktion, auszuschwärmen und die mannigfachen Texturen anzuordnen und zu systematisieren. Sie können als ein Plädoyer für die Veränderung von Regeln gelesen werden: Gebote sollen zugunsten einer neuen Ordnung modernisiert werden.

Mit der Installation wird das rituelle religiöse Gewand in eine heterogene textile Fläche, eine aus Flicken zusammengesetzte Komposition, die sich biegeschlaff nach unten wölbt, übertragen. In diesem Zuge wird der Kunstgegenstand vom Alltagsgegenstand abgegrenzt und erfährt eine neue Rahmung, die Raum zum Nachdenken über den Gebrauchsgegenstand hinaus schafft.

Die Verwendung des Textils in Ein Tallit für die Neue Synagoge öffnet dem Betrachter so auch nicht nur den Raum für das Nachdenken über religiöse Fragen. Vielmehr stehen die biegeschlaffen und performativen Eigenschaften des Mediums für eine Absage an traditionelle Hierarchien. Das betrifft sowohl traditionelle Gattungshierarchien der Künste wie religiöse Traditionen. Dabei ist es gerade das Oszillieren zwischen dem industriell hergestellten textilen Gegenstand und dessen Übertragung in eine fiktive Realität, das den Weg zu einem neuen Dialog ebnet.

Nosari schreibt sich mit seiner Arbeit in den Diskurs über die Verwendung von textilen Alltagsgegenständen als Material in der Kunst ein. Es ist ein Diskurs, der mit dem Tutu von Degas Balletttänzerin begann und durch Duchamps Readymades eine neue Wendung erfuhr. Andy Warhol, Yoko Ono, Joseph Beuys, Robert Norris, Christian Boltanski und Renée Green, um nur die bekannteren unter den Textiles nutzenden Konzeptkünstlern zu nennen, folgten. Künstler der Gegenwart, die das Textil als Material verwenden, wie Silke Radenhausen, Derek Sheil, Janet Echelmann, Ornelia Ridone, Ulrike Stolte und eben auch Guido Nosari experimentieren in den Grenzbereichen des Mediums. Sie entwickeln im Umgang mit dem Textil als künstlerisches Medium stets neue und andere Kippmomente zwischen Gebrauchsgegenstand und Kunstgegenstand.

Auffallend ist, dass sich gegenwärtige Künstler zunehmend mit der Materialität des Textilen  auseinandersetzen und sich in dieser Hinsicht von traditionellen Kunstkonzepten absetzen. Mit seiner Installation Ein Tallit für die Neue Synagoge leistet Guido Nosari einen relevanten Beitrag im Diskurs zu einem zeitgemäßen Umgang mit dem Textil als Material in der Kunst.

Guido Nosari, Ein Tallit für die Neue Synagoge, 2015, Stoffreste, verschiedene Garne, Detail der Installationsansicht. Mit freundlicher Genehmigung des Künstlers. © Maja Peltzer

Die Ausstellung wurde eigens für die Kuppel der Neuen Synagoge Berlin an der Oranienburger Straße konzipiert. Das zum Konzept gehörende Aufstellen von Liegen war aufgrund der Sicherheitsstandards nicht möglich, weshalb die Arbeit bei Bedarf auf dem Boden liegend zu betrachten war.

Guido Nosari im Netz

Die Erstveröffentlichung dieses Artikels vom 16.7.2015 finden Sie unter: Maja Peltzer im Textile Art Magazine

Una carta geografica di abbigliamento portato

L’installazione tessile di Guido Nosari

Il Tallite per la Nuova Sinagoga 

Berlino, 1. di aprile – 28. junio 2015

La visita dell’esposizione inizia con il controllo di sicurezza nell’entrata della sinagoga, ed è seguita della accensione alla cupola. Le tracce della profanazione sono così visibili che a uno se ne sento morbide le gambe. Si passa la sala di presentazione dove si faceva la messa dopo i giorni dal 8 al 10 di novembre nell’anno 1938, e salendo una scala di chiocciola si accende all‘ locale della cupola.

Lo sguardo si apre a un panorama di finestre, a sinistra la torre televisiva del Alexanderplatz, li un campanile, un tetto inclinato, un cortile interno, la Chausseestrasse. Il locale è inondato di chiarore e respira la storia berlinese. La sua volta é sottomezza di un baldacchino di stracci tessili. I rumori sono smorzati e l’attenzione e guidata silenziosamente su l’installazione.

©Maja Peltzer

La convessità della superficie tessile che viene incontro all’osservatore fa pensare al segmento di un globo o di una mappa fisica. Questa superficie ha un diametro di circa 20 m. Le sue parti sono conguinti l’uno all’altro in un caos ordinato, come campi o come terreni di una periferia cresciuta spontaneamente. È una veduta che ricorda allo sguardo fuori della finestra di un aereo.

Allo stesso modo la materialità degli pezzi congiungiati è inconfondibilmente tessile e ripugna di una maniera incomoda a l’associazione di passaggi e di una mappa o carta. Oltre a ciò, suscita un deposito di tessuti o la raccolta di abiti portati, e cosi crea il paradosso di una mappa di abiti portati.

©Maja Peltzer

In un principio la composizione sembra selvatica però con il tempo diventa tranquilla e si vede delle strutture: lignee si incontrano con campi di colore e gli incrociano e legano. Un campo tessile incontra appiglio all’altro. Si scopra che la superficie e tenuta e strutturata di una rete di fili. Come linee di demarcazione copre tutta la pianura convessa.

I pezzi di stoffa di fattura e provenienza diversa sembrano essere distese sulla rete dei fili e guardando a rigore si nota che sono tenuti con punti di estensioni differenti. L’installazione è illuminata dal basso per la luce del giorno ed un’aria lieve muove singoli fili pendenti.

©Maja Peltzer

Il materiale tessile di questa opera d’arte evoca la molto intima sfera della esperienza fisica degli abiti e della stoffa sulla pelle. Il materiale tessile ci parla di vestiti abitati e veduti, di vestiti che affermano l’identità. I frammenti di abiti confrontano all’osservatore con le domande su chi avrebbe portato e fabricato questa stoffa e quale storia si nasconde in qualunque frammento singolo. Sono delle domande commovente, perché l’intimità che il mezzo tessile provoca in questa montatura coinvolge all’osservatore fisicamente e lo manda alla ricerca dei mondi che associa con i colori, le strutture, i disegni ed ornamenti. Però la contemplazione non si ridurre alle qualità fisiche e rievocatenti dello tessile. La sua struttura pittorica piuttosto solleva all’installazione del contesto dell’oggetto d’uso comune e lo sposta in un contesto nuovo.

Con il titolo della sua installazione Il Tallite per la Nuova Sinagoga Guido Nosari si rapporta a un abito quadrato con sfrangiatura che portano i credenti giudaici quando si dedicano alla sua preghiera. Solitamente la sfrangiatura e annodata in forma di nappe che pendono degli angoli per ricordare ai credenti delle 613 leggi della tora, rapresentate nelle frange.

In altro modo che il carattere ammonitore e ed educativo delle frange annodate rigidamente dentro la nappa nella veste rituale, i fili trattati nell’installazione si mettono a sciamare ed ordinano e sistematizano le varie superficie. I fili dispersi possono essere letti come un appello per il cambio delle regole: comandamenti devono essere modernizzati in favore di un nuovo ordine.

Con l’installazione la veste rituale e religiosa è trasferita in una superficie tessile eterogenea, che e composta di pezze che si curvano giù flaccidamente. Così l’oggetto d’uso comune e delimitato, aprende un nuovo montaggio ed è trasferito al oggetto d’arte. Questo montaggio crea lo spazio per pensare più in là dell’oggetto d’uso comune.

L’uso del tessile in Il Tallite per la Nuova Sinagoga non solo apre all’osservatore lo spazio per pensare su questioni religiosi. L’impiego delle qualità performative ed pendente del mezzo tessile anche disdicono a gerarchie tradizionali. Questo riguarda tanto le gerarchie tradizionali dell’arte quanto le tradizioni religiose. Si tratta pure dell’oscillare intro l’oggetto tessile fabbricato e la sua trascrizione a una realtà fittiva, la quale spiana la strada a un nuovo dialogo intro il mezzo artistico e l’osservatore.

Con il suo lavoro Nosari s’iscrive nel discorso sul uso degli oggetti d’uso comune tessili come materiale d’arte. Si tratta di un discorso che comincia con il Tutù della ballerina di Degas e chi apprende una nuova volta con il Readymade di Duchamps. Andy Warhol, Yoko Ono, Joseph Beuys, Robert Norris, Christian Boltanski e Renée Green, per soltanto numerare i più conosciuti artisti concettuali che lavoravano con il tessile, seguivano. Artisti contemporanei che usano il tessile come materiale come Silke Radenhausen, Derek Sheil, Janet Echelmann, Ornelia Ridone, Ulrike Stolte ed il proprio Guido Nosari sperimentano nella zona limite del mezzo. Nel tratto del tessile come mezzo artistico sviluppano costantemente altri e nuovi momenti ribaltabenti intro oggetto d’uso comune e oggetto d’arte. Si fa notare che gli artisti contemporanei si occupano intensamente con le caratteristiche, vuol dire con la materialità e la medialita del tessile ed in questo aspetto si distinguono di l’arte tradizionale concettuale e lo sviluppano ulteriormente.

Con la sua installazione per la nuova sinagoga di Berlino Guido Nosari contribuisce di maniera rilevante al discorso su il tessile come materiale nell’arte contemporaneo.

©Maja Peltzer

L’esposizione è stata concepita proprio per lo spazio della copola della Nuova Synagoga. La disposizione delle sedie a sdraio non è stata possibile a causa delle norme di sicurezza. In caso di bisogno di osservare l’opera più intensamenteno il visitatore si poteva straiare sul pavimento.

Maja Peltzer e giornalista dello tessile e scienziata di cultura. Si è laureata in romanistica e storia d’arte con un argomento principale in critica post coloniale. Inoltre e disegnatrice di costumi come anche sarta su misura.